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Unser Hamburg
»Man hat gewußt, was los war in Deutschland!« Interview mit dem Initiator des Projekts »Stolpersteine«, dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig MAGAZIN: Gunter Demnig, Sie sind Künstler, Bildhauer und Initiator des Projekts »Stolpersteine«, über das in fast sämtlichen großen deutschen Tageszeitungen und Magazinen berichtet wurde und wird. Auch der New York Times und dem International Herald Tribune waren die »Stolpersteine« bereits einen Bericht wert. Die BILD-Redaktion hat sich soeben, während wir Richtung Café gelaufen sind, per Handy um einen Fototermin mit Ihnen bemüht. Demnig: Angefangen hat das Ganze mit einer Arbeit in Köln. Dort habe ich gemeinsam mit dem Rom e.V. eine Erinnerungsspur gelegt mit dem Text „Mai 1940, 1000 Roma und Sinti“. Das heißt, im Mai 1990 haben wir zu diesem fragwürdigen Jubiläum zusammen eine Farbspur durch die Stadt gelegt, die ging vom ersten Lager - es hieß der Schwarz-Weiß-Platz, das war ein Zigeunerlager - von den Wohnhäusern, in denen Kölner Bürger, die eben Roma und Sinti waren, gelebt hatten, bis hin zur Deutzer Messe – Deutzer Messe war Außenlager von Buchenwald, und vom Bahnhof Köln-Deutz (tief) gingen die Züge in die Lager. MAGAZIN: Was hat Sie persönlich zu diesem Engagement getrieben? Demnig: Ja, eher politische. Persönliche überhaupt nicht, also in der Familie weder Täter noch Opfer. Mein Vater war halt Soldat, ganz normal. Allerdings gut, er war auf der falschen Seite. In Spanien, bei der Legion Condor. Das hat auch ein paar Jahre Verstimmung gebracht. MAGAZIN: Allein in Hamburg haben sie bisher bereits an die 1000 Steine verlegt, richtig? Demnig: Ja, ich werde wohl morgen auf 900 kommen, aber dieses Jahr werden wir die Tausend nicht schaffen. Beim nächsten Mal werde ich wieder mit 60 kommen und drei Tage hier in Hamburg verlegen. Danach weiß man, was man gemacht hat. MAGAZIN: Welche bürokratischen Hindernisse galt es zu überwinden?
Demnig: Also, das erste Genehmigungsverfahren in Köln war sicher das komplizierteste, das hat fast drei Jahre gedauert. Es gab von meiner Seite einen Vortrag im Kunstbeirat, dann ging es in den Kulturausschuss, von dort in alle zehn Stadtbezirke; jeder Bezirk musste einzeln zustimmen. Parallel dazu habe ich das Tiefbauamt, das Amt für Straßen und Verkehrstechnik von der Sicherheit der Steine und des Verlegens und auch der Qualität meiner Verlegetätigkeit überzeugt. Als das alles zusammen war, ging es ins Amt für Stadtplanung , dann noch in den Haushaltsausschuss – überflüssigerweise, weil die Städte es ja umsonst kriegen – und dann in den Rat der Stadt. In Köln ist es mit einer Gegenstimme durchgegangen, wir hatten damals noch einen Rep [Vertreter der rechtsradikalen Republikaner, d. Red.]. Inzwischen wird es eigentlich immer einfacher, immer leichter und schneller. Hier in Hamburg hat es noch sechs Monate gedauert und in anderen Städten ist praktisch überhaupt kein Verfahren nötig; der Bürgermeister sagt, „wir wollen das haben“, die Parteien stimmen zu, und dann ist die Sache gelaufen und es wird einfach verlegt. MAGAZIN: Im Laufe Ihrer Projektarbeit erfuhren Sie zum Teil haarsträubende Reaktionen. In Kassel wurde das Projekt u. a. mit der Begründung abgelehnt, die Auswahl der Personen, die einen Stein bekommen sollten, erinnere an die Selektion an der Rampe in Auschwitz. Demnig: Ich denke, das sind so schwachsinnige Argumente, dass man darauf wirklich nicht eingehen muss. In Leipzig kam noch dazu, dass sie sagten: „Wir wollen ja die Tradition der Gedenktafeln pflegen“. Von einem der Leipziger Juden habe ich dann gehört, dass es überhaupt keine Tradition gibt, weil, – oft ist das auch meine Erfahrung – neunzig Prozent der Hausbesitzer Gedenktafeln an ihren Häusern ablehnen. Deswegen habe ich die Steine ja in den öffentlichen Raum gelegt. Aber im Augenblick gibt es in Leipzig drei Projektgruppen, die sich mit dem Thema befassen. Und an der Münchner Ablehnung sind inzwischen auch Projektgruppen dran. Also ich denke, das kommt auf Dauer Stadt für Stadt. Ich habe auch noch genug zu tun bis nächstes Jahr, also das muss nicht alles auf einmal sein. MAGAZIN: In München, Sie haben es eben bereits angesprochen, erhielt Peter Hess, der Hamburger Koordinator der Aktion, kürzlich eine Absage von dem sozialdemokratischen Münchner Oberbürgermeister Ude. Was steckt dahinter? Können Sie näheres dazu sagen? Demnig: Ja, also in diesem Falle kam von Seiten der jüdischen Gemeinde mal wieder das Argument, man trete auf einem Menschen herum, man trete ihn in den Schmutz usw. Ich habe ganz am Anfang selbst Bedenken gehabt, doch dann kam die Erinnerung: ‚Moment, in den katholischen Kirchen, da liegen ja nun wirklich die Knochen unter den Grabplatten, und man läuft darauf rum, es ist sogar gewünscht, dass man darüber läuft, je mehr drüber laufen, desto höher ist die Ehre für den, der da drunter bestattet ist’. Und vom Zentralrat der Juden, von Samuel Korn, hab ich inzwischen schriftlich, dass das Projekt ausgesprochen begrüßt wird. Und auch Yad Vashem hat mir einmal gemailt: „It´s a wonderful project!“ Also dieses Argument mit dem Drauftreten – ich hab mich auch wirklich erkundigt –, es steht nirgendwo im Talmud. Der Glaube im Talmud ist, die Seele eines Menschen geht im Moment des Todes in den Himmel, der Geist des Menschen verbleibt so lange über dem Ort des Todes, bis ein Grab gefunden ist für ihn. Und dann kann man sich ja vorstellen, wie viele Geister über Auschwitz schweben müssen, denn die meisten dieser Menschen haben ja keine Gräber. MAGAZIN: Sie haben mehrere Male Steine illegal verlegt, etwa im Sommer 2003 im Bezirk Bergedorf. Einige der illegal verlegten Steine wurden nachträglich von den zuständigen Behörden genehmigt – auch die in Bergedorf? Gibt es noch nicht genehmigte Steine? Wie stehen Sie zu ihren illegalen Verlegeaktionen? Werden Sie weiterhin illegal verlegen?
Demnig: Also, wenn es zum Teil solche Widerstände in den Städten sind, dann muss man einfach mal probieren, die Steine erst mal zu verlegen, damit die Leute überhaupt eine Vorstellung haben, wie das aussieht; dass man eben nicht wirklich stolpert, denn das kommt ja auch ab und zu: eben dieser Titel ‚Stolperstein’, aber das soll ja ‚stutzen’ bedeuten. MAGAZIN: Gibt es noch illegal verlegte Steine oder sind mittlerweile alle legalisiert worden? Demnig: Nein, also im Augenblick ist eigentlich alles legalisiert, und die Münchner Steine sind ja erst mal rausgerissen. Dort waren sie dummerweise auf dem jüdischen Friedhof verlegt, und die warten jetzt bei der Patin… mal sehen, wie es weiter geht in München. MAGAZIN: Und die Steine in Bergedorf wurden mittlerweile auch genehmigt? Demnig: Ich weiß nicht, ob es genehmigt ist, auf jeden Fall sind die Steine geduldet, es ist keiner rausgerissen worden. Und auch der eine Hausbesitzer, der erst dagegen war, ist inzwischen dafür, also hat nichts dagegen und hat auch gesagt, na ja, so wie das aussieht, ist das okay. MAGAZIN: Mit welchem Argument hatte dieser sich dagegen ausgesprochen? Demnig: Es kam überhaupt kein Argument. MAGAZIN: In Hamburg sei die Verlegung der Steine zum Teil auf heftige Widerstände von Anwohnern gestoßen, heißt es in einer ZDF-Meldung vom Dezember 2003. Welcher Art waren die Widerstände der Anwohner in Hamburg, aber auch anderenorts? Demnig: Also, im Großen und Ganzen halten sich diese Widerstände eigentlich in Grenzen. Es kommen natürlich dann so Sachen wie ‚ja, wir wollen ja nicht, dass die Leute denken, dass mein Geschäft vielleicht arisiert ist’. In Köln habe ich den vielleicht extremsten Fall erlebt: ein Hausbesitzer, ein Rechtsanwalt, hat sich erst vor dem Beschwerdeausschuss beklagt, dann vor dem Kulturausschuss. Er ist beide Male abgelehnt worden und ist dann bis vors Landgericht gezogen, hat geklagt, dass seine Immobilie durch die zwei Steine davor exakt 100.00 Euro weniger wert wäre. Der Richter hat ihm gleich zu verstehen gegeben, er sehe wenig Chancen, dass der Kläger damit Erfolg haben werde und hat dann aber angeregt, wir sollten uns vielleicht noch mal treffen. Da die Verlegung sowieso nicht so gut war, habe ich dann – also, es war nicht mal ein Kompromiss – die Steine sind jetzt besser verlegt, um einen Meter verschoben, und sind auch richtig eingerahmt mit Steinen, also sie sind wirklich besser zu sehen. Der hat verloren letztendlich. MAGAZIN: Aber offen antisemitische Ausfälle seitens der Bevölkerung gab es nicht? Demnig: Es kann natürlich sein, dass die Leute sich nicht trauen, das in der Öffentlichkeit zu sagen. Also, die, die zustimmen, bleiben oft stehen. In Hamburg hatte ich eigentlich die meiste Zustimmung. In anderen Städten, in Berlin zum Beispiel, waren die Reaktionen cool bis zurückhaltend. Oder manchmal auch ignorant, es interessiert sie nicht. Ich werde kaum angesprochen, während ich in Hamburg fast immer angesprochen werde, und oft eben mit dem Tenor „gut, die Sache, super!“ und „wie kann man sich beteiligen?“
Na ja, das ist ja auch etwas, wenn Leute dann miteinander ins Streitgespräch kommen. Ziemlich am Anfang ist mir das in Köln mal passiert, wo dann jemand dazukam, ein bisschen älter als ich, mit einer sehr jungen Frau, einer Ausländerin, und sagte, „ja, das ist ja ganz gut, was Sie hier machen, aber die Angehörigen, die kassieren jetzt die Milliarden.“ Und ehe ich aufgestanden war und was sagen konnte, hat sich jemand eingemischt: „Was haben Sie da gesagt? Was haben Sie da gesagt?“ Und dann fingen die beiden an zu diskutieren, und ich hab in aller Ruhe meine Steine verlegen können (lacht). Peter Hess, Kunstsammler und Hamburger Koordinator der Aktion „Stolpersteine“, der dem Gespräch bislang als Zuhörer folgte, schaltet sich ein: Aber die für mich infamste Geschichte passierte in der Grindelallee, und zwar gibt es in der Grindelallee eine Schlachterei, vor der Gunter Demnig einen Stein für ein Opfer verlegen sollte. Gunter Demnig fährt fort: Ich habe es in Stuttgart auch mal erlebt, dass die Hausbesitzerin aus dem Fenster schrie: „Die haben doch alle in der Schweiz überlebt!“ Ja, denkste, haben alle in der Schweiz überlebt! Das Härteste, was mir da passiert ist, ereignete sich in Köln, als ich einen Stein für die geschiedene Frau von Max Ernst [Kölner Künstler und Bildhauer, d. Red.], die wohnte da in Klettenberg [Stadtteil von Köln, d. Red.] verlegen wollte. Ich brauchte Strom, ja, und hab dann eben am Haus geklingelt. Es war offensichtlich die Besitzerin, die dann auch aufgemacht hat. Ich habe ihr mein Anliegen erklärt, und dann sagte sie, „ja aber die Straus-Ernst [Louise Straus-Ernst, Tochter einer jüdischen Kölner Kaufmannsfamilie, erste Ehefrau von Max Ernst, wurde am 30. Juni 1944 mit dem vorletzten Zug von Paris nach Auschwitz deportiert, d. Red.] die hat doch in der Schweiz überlebt, die konnte doch fliehen“, und da sei letztens ein junger Mann bei ihr gewesen, Student von der Uni in Köln, der promoviere über sie, über ihr Schicksal, und dann hat sie noch was vom Pferd erzählt, und wie das alles geklappt hat, und.. na ja, ich hab erst mal eingepackt, meine Freunde von der Uni angerufen und gesagt „könnt Ihr mal gucken? Eine Promotion soll da vorliegen, oder soll angemeldet sein...“ Na ja, die haben sofort rausgekriegt: nix Promotion, das war glatt gelogen! Aber vielleicht ist das für die Realität! MAGAZIN: Im österreichischen Oberndorf wurden zwei der von Ihnen dort verlegten vier Steine wieder entfernt, mit der Begründung, es sei ja alles gar nicht so schlimm gewesen, richtig? Demnig: Ja, das eine war… gut, ich meine Berufsverbot ist für mich auch eine Existenzvernichtung. Das war ein Rechtsanwalt, der irgendwie… in Deutschland waren ja schon im März 33 die Gesetze so, dass alle Juristen, die nicht Arier waren, den Dienst quittieren mussten, und in Österreich war es nach dem Einmarsch ähnlich; ich hab den Stein eben für den Anwalt verlegt, und dann war noch ein… ja, die Nachbarn haben gesagt, „ach, der hatte nur so einen kleinen Lederwarenladen da!“ Was natürlich gelogen war! Es war eine Lederfabrik mit einer Manufaktur und Verkauf. Der Besitzer ist geflohen und hat sechs Jahre lang versteckt in Wien überlebt. Man stelle sich vor, sechs Jahre lang versteckt zu überleben, immer in der Gefahr, entdeckt zu werden – und wenn du entdeckt worden warst, dann war ja auch Schluss, nicht? Auch in Österreich. Aber wie gesagt, die sind erstmal wieder entfernt worden. Immerhin gab es eine riesige Diskussion in diesem Dorf und bis hin nach Salzburg. Und ich meine, wenn so was dabei rauskommt, gut dann… also, ich hab nicht drauf bestanden, die Steine wieder zu versetzen. MAGAZIN: Sie liegen also nach wie vor nicht wieder dort? Demnig: Nein, die sind weg. Es gibt dort nur noch zwei Steine für zwei Bauernsöhne, Zeugen Jehovas, die eben, klar, den Eid auf Hitler verweigert haben und daraufhin nach Berlin transportiert und dort geköpft wurden. MAGAZIN: Wie beurteilen Sie den Stand der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Deutschland, die ja meist unter dem verräterischen Etikett „Vergangensheitsbewältigung“ firmiert? Demnig: Also, ich kann es jetzt wirklich auf die Stolpersteine beziehen, da hab ich am meisten Erfahrung und kann es beurteilen: die Quellenlage in Archiven ist sehr, sehr unterschiedlich. Nürnberg ist zum Beispiel vorbildlich, da gibt es jetzt ein Gedenkbuch, in dem auch die ganzen Wohnadressen stehen und aus dem man auch ablesen kann, wie diese Menschen sozial immer tiefer abgestiegen sind. In machem Fall finden sich drei Wohnadressen – von der ersten gutbürgerlichen Wohnung bis hin zum Judenhaus, von wo dann die Deportationen losgingen. Andere Städte, wie zum Beispiel Freiburg: da waren halt die Kartons, auf denen stand: ‚Judensachen’, im Keller gelagert. Es war noch nichts aufgearbeitet! Und die Leute dort haben mit viel Mühe die Arbeit der Archivare gemacht, also die Vergleiche mit den Deportationslisten und eben den Unterlagen aus der Stadt, aus dem Meldeamt. Es gibt aber auch andere Städte, in denen das gesamte Einwohnermeldamt verbrannt ist und es ganz schwer ist, das überhaupt wieder rauszukriegen. Vielleicht noch kurz zu Hamburg: In Hamburg gibt es ein Gedenkbuch, was jetzt auch überarbeitet wird. Aber dieses Gedenkbuch enthält eben nur die Namen ohne die Adressen. Das heißt, die Adressen müssen jeweils einzeln über das Staatsarchiv ermittelt werden. Aber wie gesagt, so viel ich weiß, ist ein neues Buch mit Adressen in Arbeit. Und ich muss auch sagen, dass manche Sachen sich erst jetzt ergeben haben, dass gerade aus der DDR manche Listen auch erst nach dem Zusammenbruch rübergekommen sind und jetzt erst ausgewertet werden können, nicht? Viele Materialien waren nicht zugänglich. Da kann man also nicht unbedingt sagen, dass die sich keine Mühe gegeben haben. MAGAZIN: Und wie beurteilen Sie das aktuelle Niveau des Antisemitismus in Deutschland? Demnig: Also manchmal ist es schon erschreckend! Es ist natürlich auch von Landschaft zu Landschaft etwas verschieden. Wie gesagt, ich werde natürlich bei der Steinverlegung schon ab und zu damit konfrontiert, dass dann gesagt wird, „ja, aber was die Juden jetzt in Israel machen mit den Palästinensern, ist auch nichts… dann sollen die doch Steine kriegen!“ Dann sag ich denen, „Kinder, die Steine müsst Ihr machen; ich hab auch was gegen die Politik von Sharon, aber das sind ein Paar ganz andere Schuhe!“ Also, ich seh es im Moment nicht so stark, dass ein wirklich gefährlicher Antisemitismus in Deutschland wiedererstarkt. Gut, es ist natürlich auch so, in meinem Umkreis, da sowieso nicht, ich hab wahrscheinlich mit den anderen nichts zu tun, das kann natürlich sein. MAGAZIN: Ihre Arbeit dient dem Gedenken. Darüber, dass die von den Deutschen begangene industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden ein singuläres Verbrechen war, besteht im heutigen Deutschland ja weitgehend Einigkeit.
Ein historisches Resultat der Massenvernichtung war die Gründung eines jüdischen Staates, Israel, der als Schutzhafen für die überlebenden Juden vor weltweitem Antisemitismus dienen und verhindern sollte, dass Juden jemals wieder dem Vernichtungswahn dermaßen schutzlos ausgeliefert sein würden.
Dort lebt etwa die Professorin Miriam Gillis-Carlebach, die älteste Tochter des letzten Hamburger Oberrabbiners Dr. Joseph Carlebach, die als 16-jährige Touristin nach Palästina gereist und so dem KZ entkommen war – im Gegensatz zu ihren Eltern und ihren drei Schwestern, für die Sie im April dieses Jahres fünf Steine vor deren ehemaligem Haus in der Hallerstraße 76 verlegten. Die 82-jährige Miriam Gillis-Carlebach war damals eigens aus Israel angereist und verfolgte mit Erschütterung Ihre Arbeit vor dem Haus ihrer Eltern.
Israel befindet sich seit seiner Gründung permanent und heute mehr denn je in Bedrängnis, umgeben von Menschen und Staaten, die nach seiner Vernichtung trachten. Der Antisemitismus in der arabischen Welt ist dem der Nationalsozialisten ideologisch durchaus ähnlich und knüpft auch historisch daran an. Auch in Deutschland wie im übrigen Europa sind antisemistische Ressentiments insbesondere im Hinblick auf Israel nach wie vor virulent und auch nicht gerade im Fallen begriffen, die Sympathie Vieler gilt stattdessen dem seit langem vielmehr völkisch denn sozial geprägten, antijüdischen Kampf der Palästinenser, bis hin zum Terror von Hamas & Co. mit dem erklärten Ziel, möglichst viele jüdische Leben auszulöschen. Netanel Schwarz, Mitglied der jüdischen Organisation norddeutscher Studenten und der Jüdischen Gemeinde Hamburg, erklärte im August 2002 in einem Interview mit der Zeitschrift konkret, „ohne die Existenz Israels würde kaum ein Jude hier leben, gäbe es keine jüdische Gemeinde in Deutschland. Die Existenz eines jüdischen Staates, in den sie notfalls gehen können, war und ist für viele Juden die Voraussetzung dafür, in Deutschland leben zu können. Daß dieser Staat inzwischen eine Hölle auf Erden geworden ist, ändert daran nichts.“
Demnig: Ja, ich finde das eine gute Idee. Nur nimmt mich die Arbeit mit den Steinen so in Anspruch, dass ich dazu keine Zeit hätte. Ich denke – und vielleicht auch noch ganz wichtig zu meinem Projekt – sicher, die meisten Steine werden für die jüdischen Opfer verlegt. Aber ich habe gerade über die Kölner, Bonner und Aachener Juristen gelesen, wie die ja eben schon im März 33 drangsaliert wurden und ausgegrenzt wurden. Und bei den meisten, die nicht weg konnten, ist es ja dann auch im Mord gegipfelt. Aber genauso waren es ja die KP-Leute, die Gewerkschafter, die ja sehr, sehr früh schon plötzlich verschwanden, und ich weiß, es gab – schon im Herbst 33 in Paris erschienen – ein Weißbuch über die Opfer zum Teil mit vollen Namen, vollen Adressen usw. Also, man hat gewusst, was los war in Deutschland! MAGAZIN: Gunter Demnig, vielen Dank für das Gespräch! Fotos und Interview: Nils Weise
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